Im Atelier auf Mallorca: wie ein neoexpressionistisches Bild entsteht
Zwischen erster Linie und fertigem Bild liegt bei einem großen Format mehr Handwerk, als der schnelle Eindruck vermuten lässt.

Ein neoexpressionistisches Bild sieht aus, als sei es in zwanzig Minuten entstanden. Genau das ist die Absicht. Der Weg dorthin ist ein anderer, und wer einmal in einem Atelier stand, sieht Bilder danach anders.
Auf Mallorca arbeitet unter anderem Markus Tollmann, deutscher Maler und Bildhauer, Jahrgang 1963. Er teilt seine Zeit zwischen Ateliers auf der Insel und in Liechtenstein und war 2024 mit einer Einzelausstellung im CCA Andratx zu sehen.
Erst die Linie, dann die Farbe
Am Anfang steht selten Farbe. Am Anfang steht eine Zeichnung, oft groß, oft in Kohle oder Kreide, oft mehrfach verworfen. Sie legt fest, wo ein Gesicht sitzt und wohin der Blick geht. Erst danach kommt die Entscheidung, welche Fläche orange wird und welche blau bleibt.
Diese Reihenfolge erklärt, warum die Bilder trotz aller Wucht lesbar bleiben. Eine Wange darf türkis sein und der Schatten unter dem Auge pink, solange die Konstruktion darunter stimmt. Wo sie nicht stimmt, hilft keine Farbe.

Das Format ist eine Entscheidung, keine Größenangabe
Große Formate auf Leinwand verlangen einen anderen Körpereinsatz. Der Arm führt, nicht das Handgelenk. Ein Strich lässt sich nicht korrigieren, ohne dass man ihm die Korrektur ansieht. Deshalb entstehen viele Entscheidungen im Stehen, mit Abstand, und werden erst am nächsten Tag bestätigt oder verworfen.
Wer ein Werk für einen bestimmten Raum sucht, sollte das früh sagen. Format, Farbwelt und Lieferzeitraum lassen sich bei einer Auftragsarbeit absprechen, aber sie lassen sich nicht nachträglich verhandeln.
Warum das Inselicht die Palette verändert
Das Licht auf Mallorca ist härter als das im Ruhrgebiet, wo Tollmann 1963 geboren wurde. Es frisst zarte Abstufungen und belohnt klare Flächen. Bilder, die in einem nördlichen Atelier stimmig aussehen, wirken unter mediterranem Licht oft flau. Umgekehrt trägt ein Bild, das für dieses Licht gebaut ist, auch eine dunkle Wand im Norden.
Praktisch heißt das: Wer ein Werk für ein Haus auf der Insel aussucht, sollte es bei Tageslicht sehen und nicht nur auf dem Bildschirm. Eine erste Auswahl gibt die Galerie des Ateliers.
Herkunft, die man dem Werk nicht ansieht
Tollmann wuchs im Haus seines Vaters auf, des Künstlers Günther Tollmann. Bei den Eltern gingen Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely, Yves Klein und Joseph Beuys ein und aus. Ab 1978 erhielt er privaten Zeichenunterricht bei Beuys, ab 1981 arbeitete er in London im Atelier von Francis Bacon. 1984 eröffnete er seine erste eigene Galerie in Bremen.
Man sieht diesen Weg den Bildern nicht direkt an, aber man merkt ihn an der Ruhe, mit der sie riskieren. Wer früh gelernt hat, dass Kunst eine Handlung ist und kein Dekor, malt anders.

Ein Besuch, der sich vorbereiten lässt
Atelierbesuche sind nach Terminvereinbarung möglich. Bringen Sie Maße mit, ein Foto der Wand und eine ehrliche Antwort auf die Frage, ob das Bild auffallen oder tragen soll. Der Rest ist Gespräch.
Woran man ein durchgearbeitetes Bild erkennt
Es gibt drei Stellen, an denen sich zeigt, ob ein Werk fertig ist. Die Kanten: Laufen die Farbflächen über den Keilrahmen weiter oder brechen sie am Rand ab? Die dunklen Partien: Sind sie schwarz oder aus mehreren Farben gemischt? Und die Signatur: sitzt sie im Bild oder klebt sie daneben.
Diese drei Stellen kosten im Atelier zwei Minuten und sagen mehr als jede Beschreibung. Wer sie einmal bewusst angesehen hat, erkennt danach auf jeder Messe in Sekunden, wo lange gearbeitet wurde.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie entsteht ein neoexpressionistisches Gemälde?
Meist beginnt es mit einer großen Zeichnung, die Komposition und Blickführung festlegt. Erst danach folgt der Farbaufbau. Große Formate entstehen im Stehen, mit Abstand und über mehrere Tage.
Kann man ein Werk für einen bestimmten Raum in Auftrag geben?
Ja. Format, Farbwelt und Lieferzeitraum lassen sich bei einer Auftragsarbeit vorher absprechen. Wichtig ist, den Raum früh zu beschreiben, nicht erst nach der Fertigstellung.
Wo arbeitet Markus Tollmann?
Er teilt seine Arbeit zwischen Ateliers auf Mallorca und in Liechtenstein. Atelierbesuche sind an beiden Orten nach Terminvereinbarung möglich.


